
Am 22.04.2026 hatte ich die Ehre, im Rahmen des Literaturfests München 2026 als Eröffnungsakt der Münchner Schiene aufzutreten. Ich trug wie üblich Maske und Verkleidung. Als ich im abgedunkelten Projektor-Saal des Gasteig HP8 von hinten die seitlichen Treppen herunterlief – auf der Leinwand lief dazu die »Dritte Verkündung« mit der mystischen Sprechstimme von Nina Lentzsch – hörte ich es im Publikum raunen: »UM GOTTES WILLEN!« … so schlimm kam es dann aber doch nicht! Das Publikum klatschte bereits, als ich am Pult stand. Mit einer Handbewegung ließ ich es verstummen und begann mit der Frage: »Erinnerst du dich, wer ich bin?«
Es wäre paradox anzunehmen, jemand könnte es – denn ich konnte es ja selber nicht. In welcher Rolle ich hier auftreten würde, wurde ich vorab gefragt. Als Taubenkönig, Schriftsteller, Kollektor, Apostel, Slamer oder gar als Vogel? Weder noch, sagte ich. Alles zusammen vielleicht. Etwas Undefinierbares, noch Ungeschliffenes, dessen Form sich erst noch finden muss, nur um es gleich darauf wieder einzureißen. Ganz im Sinne des Epischen Theaters der Metamoderne.
Eine »spannende Angelegenheit« kommentierte die Münchner Volkshochschule, die die diesjährige Münchner Schiene unter der Leitung von Dorothee Lossin (Leiterin des Fachgebiets Literatur, kreatives Schreiben und Film an der MVHS), Christina Madenach (Schriftstellerin, Literaturvermittlerin und Leiterin der Münchner Romanwerkstatt) und Christian Schüle (Schriftsteller und Essayist) ausrichtete.


Dem kurzweiligen Eröffnungsabend ging eine aufwendige Vorbereitung voraus und ein literarisches Experiment. Eine 15-köpfige Truppe aus literarisch Interessierten begab sich an zwei Workshoptagen zusammen mit Christina Madenach, Rebecca Faber und Theresa Seraphin auf die Suche nach Neuartigem, bisher unbekannten Stimmen der Münchner Literaturszene, um einen Abend voller Überraschungen zu kuratieren. Ganz nach dem Motto: »Literatur auf die Bühne zu bringen, die nicht in der klassischen Romanform existiert«, so Workshopteilnehmerin Julia Rüdisser, »Literatur von den Rändern her gedacht!« Da passte ich mit meiner Gossenlyrik natürlich perfekt dazu.
Aus dutzenden gesammelten Vorschlägen entschieden sie sich schließlich für drei Acts. Die Einladung erfolgte unverhofft und aus heiterem Himmel. Neben meiner Performance trug Dorita Puig wunderschöne Lyrik in argentinischer Sprache vor und Amelie Lihl verzauberte das Publikum mit ihren humorvoll gefärbten Illustrationen.
Die Süddeutsche Zeitung resümierte über den Abend: »Ein erfrischendes Trio. Die Überraschung gelingt!« Was will man mehr? Ein halbseitiger Artikel in der SZ. So viel Aufmerksamkeit wird einem selten gewährt. Wer wagt es sonst schon, einem anonymen Dorf- und Arbeiterkind eine Bühne zu spendieren? Wer weiß, was der sagt und sich zusammendichtet? Aber wer, wenn nicht die Volkshochschulen?
»Es hat mich sehr gefreut, Sie mit Ihrer eindrucksvollen Performance und dem wirklich eigenwilligen München-Mythos vom Taubenkönig bei der Münchner Schiene zu haben.«
Dorothee Lossin, Leiterin des Fachgebiets Literatur, kreatives Schreiben und Film an der Münchner Volkshochschule
Und nicht nur das: Dorothee Lossin und Christian Schüle ließen es sich nicht nehmen, Teil der Performance zu werden und mitten im Stück eigenhändig 100 Papiertauben fliegen zu lassen. Just über die Dächer Schwabylons inmitten des Kinosaals. Der Auftritt endete mit der Premiere eines neuen Gedichts (»Dritte Orte« – passend zur Stadtbibliothek im Gasteig HP8) und einem anschließenden Gespräch geführt von Christina Madenach und Luis Wiedenmann.
Ihnen allen gilt mein herzlicher Dank, insbesondere Christina Madenach und Workshopteilnehmerin Ofelia Huamanchumo de la Cuba für den tollen Support und die gemeinsame Vorbereitung. Es war ein großartiges Fest! Mögen die Erinnerungen daran noch weite Flügel tragen …
Setlist vom 22.04.2026 zum Nachlesen und Erfrischen
- Dritte Verkündung (Kurzfilm, Teil 1)
- Wer bin ich? (nur als Print verfügbar, Beigabe Heft #3)
- Abreißkalender
- Erste Verkündung (Ausschnitte)
- Masel Tov
- Brief 1: Schwere Zeiten
- Dicke Eier
- Brief 2: Wahl zum Vogel des Jahres
- « Écrasez l’infâme ! »
- Management 101
- Fluxus
- Dritte Orte / Schwabylon (unveröffentlichtes Gedicht)


























